„Angst darf deine Performance nicht beeinträchtigen“

Slacken erfordert Mut, Konzentration und Nerven wie Drahtseile. Ein Interview mit Profi Lukas Irmler, der von den kreativen Möglichkeiten der Trendsportart schwärmt. von Susanne Riesselmann

L_IrmlerLukas Irmler ist einer der bekanntesten Slackliner der Welt. Seit 2006 trainiert der ehemalige Kunstturner und Kletterer das Balancieren auf dem schmalen Band. 2011 machte er seine Leidenschaft zum Beruf.

ISPO NEWS: Was begeistert Sie am Slacken?

Lukas Irmler: Mich fasziniert, dass man relativ schnell Fortschritte erzielen kann. Jeder einzelne Schritt für sich ist bereits ein Erfolg. Schon nach einer Woche Training schafft man seine erste Line. Als ich damit angefangen habe, konnte ich mich nicht mal aufrichten. Beim Slacken ergeben sich, anders als beim Klettern, wo es ja hauptsächlich um das Erreichen des Gipfels geht, immer neue, kreative Möglichkeiten und Ziele. Und dieser Sport lässt sich überall ausüben: Man muss ja nicht immer gleich eine Leine zwischen zwei tiefen Schluchten spannen, auch zwei Bäume im Park sind eine Option.

ISPO NEWS: Highlining aber gilt als Königsdisziplin beim Slacken.

Lukas Irmler: Dazu gibt es verschiedene Ansichten. Nach außen hin wirkt Highlining natürlich sehr spektakulär, und man braucht mehr mentale Stärke als beim Longlining. Aber ich würde eher sagen, die Herausforderungen sind jeweils andere.

ISPO NEWS: Inwiefern? Wie meinen Sie das?

Lukas Irmler: Wenn die Leine immer länger wird, hängt sie logischer­weise auch stärker durch. Das heißt, man ist auch längere Zeit mit dem Wissen unterwegs, dass man nicht herunterfallen darf. Beim Highlining indes ist man gesichert, objektiv weiß man, dass nicht viel passieren kann. Aber trotzdem muss man mit seinem subjektiven Angstgefühl klarkommen und trotz des mentalen Stresses seine Leistung abrufen können.

ISPO: Was macht man bei einem Sturz?

Lukas Irmler: Ich bin mit einem Gurt und einer Leash an der Leine und dem Sicherungsseil eingehakt. Wenn man stürzt, versucht man in erster Linie, die Leine zu catchen und sich daran festzukrallen. Da gibt es Techniken, wie man das hinkriegen kann. Man geht nach unten und ergreift mit den Händen und einem Fuß das Gurtband. So hat man auch in der Sturzsituation noch Kontrolle über die Sache. Wenn man aber in die Leash fällt, ist das von der Psyche her unangenehm, man fühlt sich hilflos. Außerdem leiden Material und Körper.

ISPO NEWS: Sie sagen das so lakonisch. Haben Sie nicht eine Heidenangst?

Lukas Irmler: Natürlich habe ich riesengroße Angst, und die kann ich auch nicht loswerden. Deshalb muss man lernen, sie zu akzeptieren und damit umzugehen. Beim Highlining spielt die rudimentäre Angst vor der Höhe eine elementare Rolle. Beim Klettern hast du eine Wand und zwei Griffe zum Festhalten. Beim Slacken nur ein Band, das unter dir auch noch hin- und herschwingt. Man darf sich von seiner Angst nicht in seiner sportlichen Performance beeinträchtigen lassen. Das ist leicht gesagt, aber schwer getan. Selbst wenn man sich relativ entspannt fühlt, bewegt man sich auf einer Highline niemals so geschmeidig und effizient wie auf einer normalen Slackline. Macht man auf einer Highline einen Fehler und gerät ins Schwingen, kocht die Panik blitzschnell hoch. Und dann ist es sehr, sehr schwierig, sich mental wieder zu beruhigen und die Situation zurückzuerobern.

ISPO NEWS: Todesangst, Panikattacken – warum setzen Sie sich dem aus?

Lukas Irmler: Weil ich mir das Ziel gesetzt habe, über die Leine zu laufen. Der Weg dahin ist steinig, aber das Erlebnis unvergleichlich. Je mehr Erfahrung man hat, desto größer wird das Komfortgefühl. Du schwebst durch die Luft, hast alles unter Kontrolle und kannst auch noch irgendwelche Tricks und Späßchen einbauen. Du schaust runter ins Tal oder stellst dich seitlich aufs Band. Das heißt, du hast die Chance, dir wirklich der Situation bewusst zu werden, in der du gerade steckst: nämlich viele Hunderte von Metern über der Erde in der Luft zu schweben. Und das ist einfach ein geiles, außergewöhnliches Gefühl.

ISPO NEWS: Gibt es ein Erlebnis, das Sie besonders beeindruckt hat?

Tanz auf dem Seil

Ursprünglich kommt das Balan­cieren auf ge­spannten Seilen und Gurten aus der Kletter­szene. Mittler­weile hat Slacken viele Fans ge­funden und breitet sich immer weiter aus. Während Profis in atem­be­rau­benden Höhen ihre Seile spannen (High­lines) oder mög­lichst lange Strecken (Long­lines) be­wäl­tigen, trai­nieren Möchte­gern­seil­tänzer besser auf Leinen, die in Hüfthöhe (Low­lines) zwischen zwei Fix­punkten (Bäume, Geländer) an­ge­bracht sind. Warum – das findet man schnell heraus, wenn man zum ersten Mal ver­sucht, selbst einen Schritt auf dem schmalen, schwin­gen­den Band zu machen.

Lukas Irmler: Das werde ich oft gefragt, aber ich kann eigentlich keine befriedigende Antwort darauf finden. Weil man automatisch immer an die letzte große Erfahrung denkt, während die nächste große Heraus­forderung am stärksten auf einen einwirkt. Ich habe in den vergangenen Jahren viele Highlights erlebt. Große Glücks- und Erfüllungsmomente waren sicher meine Weltrekorde im Longlining und Highlining. Letztes Jahr bin ich nach Peru geflogen, um die höchst­gelegene Highline-Strecke der Welt zu absolvieren. Wir haben am Yanaphaqcha zwischen einem Gletscher und einem Felsen eine Highline in 5222 Meter Höhe gespannt. Es war für mich super interessant und super spannend zu sehen, ob ich den gesamten Prozess bewältigen kann. Die Highline selbst mit ihren 21 Metern war vielleicht gar nicht die große Herausforderung.

ISPO NEWS: Was hat Ihnen denn am meisten abgefordert?

Lukas Irmler: Alle Faktoren, die sonst noch eine Rolle spielten: Schaffen wir es, überhaupt so hoch zu kommen? Bekommen wir die Leine fixiert, spielt das Wetter mit und so weiter und so weiter. Bevor ich die Highline endlich begehen konnte, hatte ich mir schon sieben Tage auf 4.800 Metern Höhe im verschneiten Basecamp die Zehen abgefroren, und wir mussten jeden Tag von Neuem wieder aufsteigen.

Fotos: Matthias Hombauer/adidas Outdoor; Christian Rojek/adidas Outdoor