Im Tiefschneefieber – aber sicher

Abseits von Pisten geht die größte Gefahr von Lawinen und von Freeridern aus, die sich selbst überschätzen. Doch mit guter Vorbereitung, etwas Vorsicht und der richtigen Ausrüstung lassen sich viele Risiken vermeiden oder zumindest verringern. von Susanne Riesselmann

Der Trend zum Freeriding und Tourengehen ist ungebrochen: Immer mehr Skifahrer zieht es abseits der Pisten ins Gelände. Sie suchen nach Abwechslung und unverfälschten Erlebnissen im Schnee. Freeriding ist angesagt, das Cruisen im meterhohen Powder steht für Freiheit und Abenteuer. Das Hochgefühl stellt sich dabei am zuverlässigsten ein, wenn man im un­be­rühr­ten Schnee die allerersten Spuren ziehen kann. Nicht umsonst heißt es in der Szene: „No friends on powder days.“

Was bringen Lawinenairbags?

In einer internationalen Studie, an der auch das SLF beteiligt war, untersuchten Wissenschaftler 245 Lawinenunfälle in Europa und Nordamerika. Die Forscher verglichen Verschüttungsgrad und Sterberate von Schneesportlern mit und ohne Airbag. Das Ergebnis: „Der Lawinenairbag ist ein sehr wirksames Lawinen-Notfallgerät. Bei den Lawinenopfern reduzierte sich die Sterblichkeit mit einem aufgeblasenen Airbag von 22 auf elf Prozent.“ Bemängelt wurde aber, dass die Airbags aktiv ausgelöst werden müssen: Bei jedem fünften Mal klappte das nicht. „In 60 Prozent dieser Fälle aktivierte der Nutzer selbst den Airbag nicht. Daher ist es wichtig, dass der Anwender mit dem Auslöseprozedere vertraut ist und das Gerät korrekt wartet.“

Für die Verkehrssicherheit auf Pisten sind die Betreiber verantwortlich, das Fahren im Gelände geschieht grundsätzlich auf eigene Verantwortung. „Es gibt weder hier noch dort eine hundertprozentige Sicherheit“, betont Andreas König vom Deutschen Skiverband (DSV). Abseits der Pisten lauern andere Gefahren als auf der Piste. Man muss zum Beispiel mit Baumstümpfen, Ästen oder Felsen rechnen. Ist die Schneedecke dünn, können diese Hindernisse einem schnell zum Verhängnis werden, wie der Unfall von Formel-1-Fahrer Michael Schumacher auf tragische Weise gezeigt hat. Hinzu kommt, dass der Fahrer im Gelände „mit seinen Skiern einen anderen Drehwiderstand hat: Er muss viel mehr Kraft aufwenden als auf der Piste. Der pappige Schnee ist eine träge Masse, in der man hängen bleiben und sich dabei die Knie verdrehen kann“, sagt Sicherheitsexperte König.

Die größte Gefahr abseits von Skigebieten aber geht von Lawinen aus, und zwar „fast immer und überall“, warnt der DSV. „Ich muss mir vor meiner Tour unbedingt klarmachen, wie groß die Gefahr ist, die von dem geilen Hang ausgeht, den ich im Auge habe“, fordert König. „Schwimmen lerne ich nicht beim Duschen.“ Nur wenn man sich mit den Risiken auseinandergesetzt hat und die Situation im „Vorfeld wirklich abchecken kann“, darf man sich im freien Gelände tummeln. König empfiehlt, zur Vorbereitung einen Lawinenkurs zu besuchen, den lokalen Wetterbericht (Informationen zu Wind, Niederschlag, Temperatur) zu studieren, das Gelände anhand einer Karte unter die Lupe zu nehmen und vor der Tour Ortskundige wie etwa den Skilehrer nach seiner Einschätzung der Situation zu fragen. Sobald der kleinste Zweifel besteht, sollte man auf die Tour verzichten. „Schwere Lawinenunfälle werden meist durch achtloses Verhalten von Freeridern verursacht. Selbstüberschätzung, ordentlich aufs Tempo zu drücken, eine zu große Risikobereitschaft – all das ist überhaupt nicht angesagt“, mahnt König. „Die Natur birgt oft nur das Risiko, die Gefahr aber geht vom Fehlverhalten der Menschen aus.“

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Weitere Informationen:

slf.ch

whiterisk.ch

Laut einer Studie des Schweizer Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) hat sich die Zahl der Lawinenopfer trotz des verstärkten Drangs ins Gelände seit 20 Jahren nicht verändert. Die Autoren Frank Techel und Benjamin Zweifel begründen dies zum einen mit dem vermehrten Wissen über Schnee und Lawinen, zum anderen mit verbesserten Sicherheitsausrüstungen. Denn mit dem Tiefschneefieber ist das Angebot an passendem Equipment gewachsen. Immer mehr Hersteller haben zum Beispiel Lawinenairbags im Angebot. Bei einer Lawine sorgen diese für Auftrieb in den Schneemassen und verhindern in den meisten Fällen tiefere Verschüttungen.

„Zum Gelingen eines Freeskiing-Tages gehört unbedingt auch die richtige Ausrüstung“, bestätigt König. Man sollte stets ein Lawinensuchgerät, eine Lawinenschaufel und eine Lawinensonde im Gepäck haben. Aber man muss das Material auch bedienen können. König: „Wenn man nicht weiß, wie der Piepser beim Suchgerät funktioniert, ist dieser überflüssig. Zu glauben, mit einer Hightech-Ausrüstung ginge alles gut, ist ein fataler Irrtum: Ein Lawinenunfall ist und bleibt lebensgefährlich.“

Fotos: Thinkstock