In hohem Bogen über den Kanal

Bildband „Velo City“ zeigt Visionen für Fahrradstädte. Mit Beispielen aus 16 Ländern – von den Arabischen Emiraten bis Dänemark, von Großbritannien bis zu den USA oder von Portugal bis China. von Susanne Riesselmann

Velo City
Gavin Blyth: Velo City – Architecture for Bikes, Prestel Verlag, ISBN: 978-3-7913-4909-1160 Seiten, 29,95 Euro

Das Fahrrad ist das am meisten benutzte Verkehrsmittel der Welt. Trotzdem haben Stadtplaner dem Drahtesel lange Zeit wenig Aufmerksamkeit geschenkt und sich lieber auf das Auto konzentriert. Doch nun besinnt man sich wieder auf die Vorzüge des unschlagbar flexiblen Verkehrsmittels: Überall auf der Welt arbeitet man angestrengt daran, verstärkt auf die Bedürfnisse von Radfahrern einzugehen. Radwege, Verkehrsleitsysteme, Abstellmöglichkeiten und Ausleihstationen müssen gestaltet werden, das Rad nimmt massiven Einfluss auf die Entwicklung urbaner Räume und deren Architektur.

Welche Ansätze und Projekte man dazu bereits umgesetzt hat, zeigt der Fotoband „Velo City“. Die Beispiele kommen aus 16 Ländern – von den Vereinigten Arabischen Emiraten bis Dänemark, von Großbritannien bis zu den USA, von Portugal bis China. In Kopenhagen zum Beispiel können Radfahrer von ihrer Wohnung im 8-House, der Gebäudekomplex ist angelegt wie eine Acht, über Rampen bis ins Erdgeschoss fahren, ohne vom Sattel steigen zu müssen – auch wenn sie im zehnten Stock zu Hause sind. Im niederländischen Eindhoven sorgte der Hovenring, ein Kreisverkehr für Radfahrer, der über den Autos schwebt, für Begeisterung. Das imposante Bauwerk ist mit 24 Stahlkabeln an einem 70 Meter hohen Pfeiler aufgehängt und erlaubt Radfahrern eine der meistbefahrenen Kreuzungen der Stadt stressfrei und sicher zu überqueren. Ähnlich spektakulär ist die mehr als 100 Meter lange Melkwegbridge (siehe Foto oben) in Purmerend (Niederlande), die einen neuen Stadtteil mit der Altstadt verbindet.

9 Glasgow Riverside Transport Museum, UK 2011, Zaha Hadid Architects, image Hufton a Crow[1]_smlIm Glasgower Riverside Museum hängen die Räder unter der Decke, in Kopenhagen fahren sie Grasplatten durch die City

In der Wüste legte man in Dubai einen 68 Kilometer langen, asphaltierten Fahrrad-Superhighway an, Begegnungen mit wilden Tieren wie Antilopen und Kamelen inklusive. Weniger heiß und staubig, aber dafür bedeutend grüner und kunstvoller ist das Projekt Parkcycle Swarm in Kopenhagen: Hier düsen Lastenfahrräder mit grasbewachsenen Plattformen durch die City. Mehrere Räder zusammengestellt ergeben einen kleinen Park, der beliebig auf- und abgebaut werden kann. Weitere Beispiele im Buch zeigen Lösungen zum Parken, Leihen und Anschließen von Rädern, aber auch Fotos von beeindruckenden Fahrradsammlungen, Velodrome für die Olympischen Spiele oder außer­ge­wöhn­liche Konzeptläden.

Der Bildband dürfte Fahrradliebhaber und Architekturbegeisterte gleicher­maßen interessieren. Der ersten Gruppe zeigt es, wie fahrradfreundlich man an manchen Orten der Welt schon denkt und was möglich ist, der anderen Gruppe, wie der Siegeszug des Fahrrads das Bild der Städte künftig prägen wird.

Fotos: NEXT Architects; Hufton + Crow; Nicolai Fontain