„Sport wird die Arbeit der Zukunft“

Zückt man heute beim Small Talk auf der Party die Visitenkarte, unterhält man sich künftig über seinen Sport. Fitness wird wichtiger als die Karriere, Sportlichkeit zum Statussymbol und ein Berufsalltag ohne Bewegung undenkbar. Ein Interview mit Anja Kirig vom Zukunftsinstitut. von Susanne Riesselmann

Bei Google in den Niederlanden radelt man indoor. Das Unternehmen ist bekannt für seine coolen Arbeitsplätze

ISPO NEWS: Sie schreiben in Ihrer Studie „Sportivity“, Arbeit und Sport gehören zusammen. Warum?

Anja Kirig: Wir haben festgestellt, dass Sport bis zum Berufseinstieg eine wichtige Rolle spielt und zum Alltag gehört. Doch im Alter zwischen 30 und 50 Jahren, in der sogenannten Rushhour des Lebens, bleibt kaum mehr Zeit für Sport: Arbeit und Familienbildung rücken in den Vordergrund. Nach Abschluss des Arbeitslebens mit der Rente steigt die Sportlichkeit plötzlich wieder an. Daran sieht man, dass nicht etwa das Interesse am Sporttreiben verloren geht, sondern die Umstände vorher ungünstig waren. Sonst würde man im Ruhestand ja nicht wieder aktiv werden.

ISPO NEWS: Aktuell treibt die Hälfte der Erwachsenen gar keinen Sport. Weshalb sollten Bewegungsmuffel nun ausgerechnet im Berufsleben aktiv werden?

Anja Kirig: Die Hälfte der Menschen treibt keinen Sport, würde sich aber mehr bewegen, wenn sie könnte. Das heißt, hier fehlen Angebote, der Zugang zum Sport. Außerdem versteht jeder unter Sport etwas anderes: Jemand, der täglich mit dem Rad zur Arbeit fährt, wird vermutlich nicht sagen, er treibe Sport. Aber er bewegt sich. Und der Triathlet hat ein anderes Verständnis von Sport als die Frau, die zweimal in der Woche zum Pilates geht. Die Bedürfnisse der Menschen an Sport und Bewegung sind unterschiedlich, deshalb arbeiten wir auch mit dem Begriff Sportivity. Entscheidend ist, dass Bewegung ein wichtiger Teil des menschlichen Lebens ist und ein Grundbedürfnis, um sich wohlzufühlen.

kirig„Sportivity“ – Anja Kirig vom Münchner Zukunftsinstitut ist eine der Autorinnen der Studie

ISPO NEWS: Überspitzt formuliert: Der Berufsalltag ist ein Bewegungskiller und Sportverhinderer?

Anja Kirig: Im Endeffekt ja. Aber auch hier erleben wir, dass Arbeit und Leben sich stärker mischen und der Berufsalltag sich neu konstituiert. Immer mehr Menschen arbeiten zu Hause, in Teilzeitjobs oder freiberuflich. Aber auch viele Arbeitnehmer wollen ihr Leben und ihre Arbeitszeit insgesamt flexibler und selbstbestimmter gestalten.

ISPO NEWS: Das ist aber noch nicht in den Unternehmen angekommen. Viele bestehen beispielsweise auf einer festen Mittagspause zwischen 13 und 14 Uhr und auf Kernzeiten, in denen man am Arbeitsplatz präsent sein muss.

Anja Kirig: Da stellt sich die Frage: Ist das eine Notwendigkeit, etwa wegen einer Deadline, oder Teil der Unternehmensphilosophie, an der man festhalten will? Spätestens für die nächste Generation mit ihren veränderten Ansprüchen an die Arbeitswelt müssen die Unternehmen andere Bedingungen schaffen, um attraktiv zu bleiben. Arbeit und Leben werden sich stärker mischen, das Thema immer wichtiger.

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ISPO NEWS: Und welche Rolle spielen die klassischen Betriebssportangebote?

Anja Kirig: Die sind zu statisch, weil sie einen geregelten Arbeitstag voraussetzen. Gymnastik um 12.30 Uhr – das funktioniert nicht. Es können nicht alle teilnehmen, weil jemand in der Firma bleiben muss, und manche Teilzeitkraft macht sich unter Umständen schon um 12 Uhr auf den Heimweg. Vieles findet auch erst nach Feierabend statt. Diese Angebote sind wie ein Add-on, stoßen daher auf wenig Interesse.

ISPO NEWS: Vielleicht hat ein Arbeitnehmer ja auch gar keine Lust, mit dem Kollegen auf der Yogamatte zu liegen, und empfindet das als weitere Einmischung in sein Privatleben.

Anja Kirig: Dieses Gefühl kann Betriebssport unter Umständen auslösen. Er wirkt dann wie ein Moralapostel, der mahnt, man müsse jetzt aber mal etwas für seine Gesundheit tun: Macht mal dies und das, und zwar dann, wenn ich es euch vorschlage. Man sollte dem Menschen selbst die Freiheit lassen, wann er Sport machen will und welchen Sport er machen will.

ISPO NEWS: Was können Unternehmen dafür tun?

Anja Kirig: Um Bewegung auch bei der Arbeit möglich zu machen, könnten sie die passende Infrastruktur schaffen wie Spinde für die Sportsachen und Duschen zum Frischmachen. Auch eine Tisch­tennis­platte aufzustellen, die Mitarbeiter jederzeit nutzen können, wäre eine Option.

ISPO NEWS: Und wenn ich Tischtennis nicht mag, schnüre ich spontan die Joggingschuhe und verlasse das Büro? Gilt die Laufrunde als Arbeitszeit?

Anja Kirig: Hier ist viel Flexibilität gefragt. Die Unter­neh­mens­philo­sophie muss sich dahingehend ändern, dass es völlig in Ordnung ist, wenn ein Mitarbeiter um 10.30 Uhr laufen gehen möchte oder auch um 15.30 Uhr.

ISPO NEWS: Das bedeutet auch einen Kontrollverlust für die Unternehmer.

Anja Kirig: Steht ein Meeting an, kann man natürlich nicht sagen, man gehe jetzt laufen. Aber gerade bei Bürotätigkeiten hat man zwischen­durch viel Zeit, weil man selbststrukturiert arbeitet und auch Bewe­gungs­ein­heiten sich so besser planen lassen. Firmen müssen mehr Flexibilität ermöglichen und Verantwortung abgeben. Das nehmen die Arbeitnehmer ohnehin gern an. Noch vor ein paar Jahren hat jeder um acht Uhr angefangen, und um 16 Uhr war Schluss. Heute haben wir eine viel größere Bandbreite.

„Es hat schon etwas Dik­tato­risches, wenn ein Laufband unterm Schreibtisch steht. Aber es wird sicher interessante Produkt­entwicklungen geben, um mehr Bewegung im Job möglich zu machen“

ISPO NEWS: Was bringt einer Firma die Integration von Sport in die Arbeit?

Anja Kirig: Da beispiels­weise Krank­heiten des Bewegungs­apparats durch zu vieles Sitzen vorgebeugt wird, lassen sich Fehltage reduzieren. Zum anderen erhöht Sport die Arbeitseffektivität: Man kommt auf andere Gedanken und kann anschließend wieder konzentrierter arbeiten. Dazu muss man gar nicht immer eine große Joggingstrecke zurücklegen. Es reicht auch, wenn man im Stehen weiter­arbeiten oder beim Telefonieren herumlaufen kann. Das ist gut für die geistige Erholung.

ISPO NEWS: Was meinen Sie damit?

Anja Kirig: Wenn Menschen sich an einer Frage­stellung fest­gebissen haben, bringen ein Orts­wechsel oder Bewegung oft die Lösung: Man bekommt den Kopf frei und entwickelt neue Ideen.

ISPO NEWS: „Noch effizienter wird der Arbeitsalltag, wenn Sportgeräte gleich integriert sind“, schreiben Sie in der Studie und nennen als Beispiel ein Laufband unter dem Stehpult. Im Großraumbüro dürfte das für wenig Freude sorgen …

Anja Kirig: Das ist sicher ein extremes Beispiel. Nicht jeder würde sich damit wohlfühlen, und es hat schon etwas Diktatorisches, wenn ein Laufband unterm Schreibtisch steht. Aber es wird sicher interessante Produktentwicklungen geben, um mehr Bewegung im Job möglich zu machen.

ISPO NEWS: Gibt es Beispiele von Firmen, in denen der Sport bereits erfolgreich in die Arbeit integriert wurde?

Anja Kirig: Eines meiner Lieblingsbeispiele ist die Kletterhalle Brooklyn Boulders in Somerville, Massachusetts. Allerdings wurde hier die Arbeitsfläche in den Sport integriert: Es gibt dort sogenannte Coworking-Arbeitsplätze. Man kann mit seinem Laptop in die Boulder-Halle gehen, trainieren und nebenbei arbeiten.

ISPO NEWS: Das Beispiel passt doch perfekt zu Ihrer These: „Arbeit muss Spaß machen und wird zur Freizeitkultur, Gesundheit zum Pflicht- und Arbeitsprogramm.“ Warum kehren sich die Werte um?

Anja Kirig: Das liegt am Bedürfnis der Menschen nach Lebensenergie und Zufriedenheit. Man möchte lange fit und gesund sein, möglichst alt werden. Und so bekommt auch der Sport im Vergleich zur Arbeit einen neuen Stellenwert. Die Karriere, an der man sich früher gemessen hat, wird abgelöst von der sportlichen Tätigkeit, mit der man sich präsentiert. Auf der Party zückt man keine Visitenkarten, sondern spricht über seine sportlichen Aktivitäten. Denn den Menschen ist klarer denn je: Bewegung sichert und schafft Lebensqualität.

Fotos: Thinkstock (2)