Zum Wohnen ins Büro?

Nüchterne Büromöbel, mausgraue Teppichböden und eine verkümmerte Grünpflanze – in den meisten Büros herrscht Trostlosigkeit. Dass Arbeitsplätze auch richtig schön sein können, zeigt der Bildband „WorkScape“. von Susanne Riesselmann

Die Architekten von Hassell and Lend Lease Design entwarfen den Hauptsitz der Bankengruppe ANZ in Melbourne

Wo arbeitet man am besten? An einem ruhigen Schreibtisch oder gemütlich auf einem Sofa, in einem schlicht eingerichteten Zimmer mit einer tollen Aussicht oder in einem wuseligen Café? Idealerweise sollte man an seinem Arbeitsplatz alles finden, was man braucht, um effektiv arbeiten und sich wohlfühlen zu können. Wie innovative und herausragende Lösungen aussehen, zeigt das Buch „WorkScape“. Sofia Borges präsentiert anhand von großzügigen Bilderstrecken und Grundrissen über 30 Beispiele von Bürohäusern und Firmen aus aller Welt, die berühmte Architekten geplant und realisiert haben.

„Deine Arbeit sollte dem entsprechen, was du wirklich machen willst“, schreibt Borges. „Sie ist Teil deiner Persönlichkeit. Die Ära der strikten Nine-to-five-Jobs ist ebenso passé wie die der standardisierten Arbeitsplätze.“ Menschen sind keine Maschinen, sie brauchen ein inspirierendes Umfeld, so die Architektin weiter. „Je mehr Zeit Menschen im Büro verbringen, desto weniger Zeit haben sie für ihre Hobbys und für sich selbst.“ Diese Kluft gilt es bei modernen Arbeitsplätze zu schließen, um zu vermeiden, dass die „Leute frustriert sind“.

Und tatsächlich sehen die vorgestellten Projekte von den Arbeitsräumen großer Konzerne bis hin zu kleinen Start-ups nicht nach Arbeitsplätzen im klassischen Sinne aus, sondern vielmehr nach Orten zum Entspannen und Wohlfühlen. Die südkoreanische IT-Firma Daum zum Beispiel setzte ihre Hauptniederlassung bewusst auf eine verlassene Vulkaninsel und nicht in die hektische Metropole Seoul. Das von Mass Studies konzipierte Gebäude fügt sich perfekt in die wilde Vulkanlandschaft ein, der Komplex bietet eine Kita, Ruhe- und Ent­span­nungs­räume. Wer auf andere Gedanken kommen will, widmet sich der Gartenarbeit: Draußen aktiv zu sein wird bei Daum als wesentlicher Bestandteil von Arbeit gesehen.

Sofia Borges, Sven Ehmann, Robert Klanten (Hg.): WorkScape: New Spaces for New Work, Gestalten Verlag, ISBN: 978-3-89955-495-3, 240 Seiten, 39,90 Euro

Wie ein Wohnzimmer muten die Räume des Coworking-Space NeueHouse in New York an, die Grenzen zwischen Freizeit und Job, zwischen öffentlich und privat scheinen aufgelöst. In der Zentrale des Ingenieurbüros Schlaich Bergermann und Partner in Stuttgart umspielt ein durchsichtiger Vorhang elegant den Konferenzraum. Provisorisch hingegen die Zentrale von Urban Outfitters: Das Label ist in einer ehemaligen Fabrikhalle untergebracht, hier werden munter alte und neue Elemente gemixt. Und beim Mobilfunkanbieter dtac in Bangkok dreht man seine Joggingrunden auf einer extra gekenn­zeichneten Fläche quer durchs Büro.

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dtac House, entworfen von Hassell

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Hurley Headquarters, entworfen von Hurley

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NeueHouse, entworfen von The Rockwell Group

Ob repräsentatives Foyer oder lauschige Teeküche, ob Biokantine oder Leseecke – das alles sind „keine Kosten für das Unternehmen, sondern Investitionen“, zitiert Borges den Vordenker und Bildungsexperten Ken Robinson. Stellt sich bloß die Frage, ob es den Firmen eigentlich nur darum geht, dass man möglichst viel Zeit am Arbeitsplatz verbringt, wenn die „Kollegen zur Zweitfamilie und das Büro selbst zum zweiten Zuhause werden“. Andererseits: Ein Arbeitsplatz mit Atmosphäre, an dem man sich wohlfühlt, hat unbedingt seinen Charme. Denn wer mag schon ernsthaft mausgraue Teppichböden und verkümmerte Grünpflanzen?

In jedem Fall bietet „WorkScape“ einen spannenden Blick in die schönsten Büros der Welt und dokumentiert, wie unsere Arbeitswelt sich wandelt und Arbeits­plätze neu definiert werden. Alle, die sich für diese Fragen interessieren, sei es von Berufs wegen oder aus purer Neugierde, werden sich gern in den ansprechend und überaus ästhetisch gestalteten Band vertiefen.

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AOL Headquarters, entworfen von Studio O+A

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Transformadora Ciel, entworfen von Rojkind Arquitectos + AGENT

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Hayden Place, entworfen von Cuningham Group Architecture

Fotos: Peter Bennetts und Earl Carter, Pirak Anurakyawachon, Brandon Shigeta, Stefan Azario und Blandon Belushin, Jasper Sanidad, Jaime Navarro, Christiane Ingenthron; Titelbild: ANZ Centre, entworfen von Hassell and Lend Lease Design